Der Druck in der Baubranche ist gross. Die Realisierung ehrgeiziger ESG-Ziele und Formulierung von Nachhaltigkeits- und Kreislaufzielen durch die Politik fordern insbesondere von Immobilieninvestoren ein Umdenken. Die gesamte Branche ist auf der Suche nach Lösungen für ressourcenschonenderes Bauen.
Erreicht werden kann dies vor allem durch konkrete Verbesserungen im Ressourcenkreislauf von Bauprodukten. Bereits in der Planung und Konstruktion können Materialien so geplant und verbaut werden, dass sie später einfach zurückgebaut und so zurück in den Kreislauf geführt werden können. Voraussetzung dafür ist, dass Materialien nie aus der Sicht verloren gehen und stets wiedergefunden werden können. Dafür braucht es Daten, Informationen, Tools und Anreizsysteme. Der Materialpass ist ein konkreter und heute verfügbarer Lösungsansatz dafür. Ist die Entscheidung für die Bestellung eines Materialpass gefällt, kann begonnen werden, Mehrwerte für morgen zu schaffen. Die folgenden Fakten helfen Bauherrn und ihren Dienstleistern auf dem Weg dahin.
1. Gründliche Vorbereitung: Dokumentation und Datensammlung
Alles beginnt mit der Dokumentation und Sammlung von relevanten Daten über das Bauwerk und seiner Bestandteile. Je besser die Qualität der
Datengrundlage, desto fundierter können Aussagen und Rückschlüsse über die Materialisierung gemacht werden. Idealerweise stammen die Daten aus einem BIM-Modell. Aber auch andere können eine Grundlage für die weitere Verarbeitung und die Erstellung von Materialpässen liefern.
2. Jederzeit verfügbar: Konsolidierung von Informationen im Materialpass
Ein Materialpass ermöglicht die Konsolidierung von Informationen über die im Gebäude verbauten Materialien, Produkte und Elemente und ergänzt sie mit relevanten Daten aus Drittquellen. Daraus ergibt sich ein Inventar und eine Bewertung der sich im Bauwerk befindlichen Materialien. Die damit einhergehende Übersicht und Transparenz der verbauten Materialien ist von Nutzen in den verschiedenen Phasen im Lebenszyklus eines Bauwerkes. In einem solchen digitalen Archiv sind die Informationen in jeder Lebenszyklusphase verfügbar.
3. Am Anfang die Weichen für mehr Nachhaltigkeit stellen
In der Planungsphase werden die Weichen gestellt. Von Anfang an kann die Zirkularität und die Werthaltigkeit der verbauten Ressourcen über den gesamten Lebenszyklus optimiert werden. Über den gesamten Planungsprozess hinweg erlaubt es der Materialpass, Konsequenzen von Varianten in Bezug auf die Zirkularität zu bewerten und somit zu nachhaltigeren Entscheidungen zu gelangen.
4. Materialpass als Nachweis nutzen
Bei der Realisierung erfolgt die eindeutige Zuweisung und Definition der verbauten Materialien, der Bauteile, Stückzahlen, Flächen und Art der Ausführung gemäss der in der Planungsphase definierten Vorgaben. Jetzt wird der definitive Materialpass erstellt. Daraus können Nachweise der realisierten Massnahmen und verbauten Materialien erstellt werden. Diese können zukünftig als Basis für Gebäudezertifizierung oder für die finanzielle Bewertung des Bauwerkes dienen.
5. Der Materialpass lebt
Als Speicher für Gebäudeinformationen über den gesamten Lebenszyklus ist der Materialpass ein lebendiges Dokument, eine Mischung aus rückverfolgbarem statischem “as built” und einer kontinuierlichen dynamischen Aufzeichnung von Informationen. Während des Betriebes des Bauwerks kann sich infolge Umbauten, Mieter- oder Nutzungsänderungen sowie Instandsetzungszyklen viel ändern. Falls sich die Bewertung von verbauten Materialien oder Produkten über die Lebensdauer des Gebäudes verändert, beispielsweise durch die Identifikation von gefährlichen Substanzen oder den ansteigenden Rohstoffwert bestimmter Materialien, lässt sich dieses anhand des Materialpasses jederzeit beurteilen und gegebenenfalls aktualisieren.
6. Ökologisch hochrangige Wiederverwendung lohnt sich
Der Materialpass stellt für alle
Rückbaumassnahmen die notwendigen Material- und Komponentendaten zur Verfügung. Eine ökologisch hochrangige Wiederverwendung einzelner Bauteile wird vereinfacht und daher zunehmen. Die gezielte Entfernung toxischer oder umweltrelevanter Materialien aus dem Kreislauf wird effizient ermöglicht. Die Monetarisierung von wiederverwendeten Materialien ist möglich. Eine
Valorisierung der Materialwerte über den Lebenszyklus führt zu klaren positiven Kapitalflüssen und einer Portfoliowertsteigerung. Der finanzielle und zirkuläre Wert der Baumaterialien kann mit Madaster in einem Materialpass ermittelt werden. Gebäudespezifische Erneuerungsstrategien können definiert und die resultierenden Lebenszykluskosten über jährliche Rückstellungen in der Marktwertermittlung übertragen werden. Berechnungen einer
wissenschaftlichen Arbeit zeigen, dass die Marktwertermittlung einer kreislauffähigen Holzhybrid-Konstruktion mit modularem Aufbau und reversiblen Verbindungsmitteln des Fassadensystems, trotz erhöhter (+13%) Erstellungskosten, das lineare Objekt um +9.6% übertraf. Ein Haupttreiber dafür ist die Differenzierung der Lebenszykluskosten.
7. Kooperation über den ganzen Lebenszyklus
Als zentrale Daten- und Informationsdrehscheibe unterstützt der Materialpass Gebäudeeigentümer und ihre Dienstleister bei der Planung, Nutzung und Verwaltung des Gebäudes. Über alle Lebenszyklusphasen erleichtert er die Aufzeichnung, Verknüpfung, Übertragung und gemeinsame Nutzung von Gebäudedaten und -informationen zwischen den Beteiligten. Das gemeinsame Lernen und iterative Vorgehen in der Branche tragen dazu bei, dass immer mehr Wissen über zirkuläres Bauen entsteht und zum Wohle der Umwelt, der Nutzenden der Immobilie und der Gesellschaft als Ganzes eingesetzt wird.
Verein Madaster Schweiz
Die Vereinsmitglieder von Madaster Schweiz verfolgen das Ziel, das zirkuläre Bauen mit Innovation und Initiative in der Schweiz zu etablieren. Im Dialog mit der Branche werden Standards und Kriterien für die Messbarkeit von Zirkularität erarbeitet.
Den Verein Madaster Schweiz erreichen Sie unter:
switzerland@madasterfoundation.com